Kommentar von Tom Burke, anlässlich des World Energy Council Energy Day

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Mark Carney, Chef der Bank of England und des Financial Stability Boards (Finanzstabilitätsrat),[1] hat vor Kurzem in einer Rede in London die Risiken aufgezeigt, die der Klimawandel für die weltweite Finanzstabilität darstellt. Auch wenn diese Rede in Deutschland bislang auf wenig Resonanz gestoßen ist, hat sie doch die Spielregeln der Klimapolitik grundlegend verändert. Was gestern noch für die wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen des Klimawandels galt, ist heute bereits überholt. Die Welt hat sich verändert – nicht wegen des Inhalts der Rede, sondern wegen der Persönlichkeit des Redners.

Wissenschaftler und Umweltpolitiker warnen schon lange vor den Risiken des Klimawandels für Sicherheit und Wohlstand. Insbesondere in Großbritannien und den USA spricht man auch über sicherheitspolitische Aspekte.

Dass nun einer der wichtigsten Entscheider der Zentralbanken über Klimawandel spricht, ist bezeichnend. Carney hat klargestellt, dass das globale Finanzsystem enormen Risiken ausgesetzt sein wird, wenn das Zwei-Grad-Limit nicht eingehalten wird. Er betonte, dass jedes zusätzliche Grad Erwärmung diese Bedrohung potenziert. Und weiter: Wenn wir mit Gegenmaßnahmen warten, bis das Finanzsystem einmal destabilisiert ist, wird es zu spät sein.

Carneys Worte werden in der „Realpolitik“ des Klimawandels hohe Wellen schlagen. Das Zentrum klimapolitischer Entscheidungen in nationalen Regierungen wird verschoben werden, die Risikoeinschätzung von Finanzinvestoren wird sich maßgeblich ändern.

Nach der inneren und äußeren Sicherheit ist die Garantie von Finanzstabilität die oberste Priorität jeder Regierung. Wenn, so Carney, der Klimawandel eine wachsende Bedrohung der Finanzstabilität darstelle, dann werden Finanzministerien zu zentralen Akteuren im Politikprozess. Das wird die Brisanz und Dringlichkeit des Problems steigern und den bereits spürbaren Druck auf Regierungen erhöhen, effektive Klimapolitik zu betreiben.

Die Carbon Tracker-Initiative hat bereits die Risikowahrnehmung von Investoren hinsichtlich fossiler Brennstoffe entscheidend beeinflusst. Insbesondere die Kohleindustrie gerät durch die Divestment-Bewegung immer stärker unter Druck. Carney hat das zentrale Argument der Initiative, nämlich dass Geldanlagen in der fossilen Brennstoffindustrie von einer massiven Abwertung bedroht sind, ausdrücklich bekräftigt. Diese Einschätzung wird die Kapitalkosten für neue klimaschädliche Projekte zunehmend erhöhen und diejenigen für klimafreundliche Investitionen senken.

Das Risikokalkül von Regierungen hinsichtlich des Klimawandels ist bereits seit einiger Zeit im Wandel begriffen. Steigende Temperaturen haben bereits zu einem merklichen Anstieg von Extremwetterereignissen und anderen Klimaschäden geführt. Die Risiken des Nichtstuns sind gewachsen. Gleichzeitig haben die sinkenden Kosten von klimafreundlichen Technologien die wirtschaftlichen Kosten eines rechtzeitigen Einschreiten gesenkt. Carneys jüngste Äußerungen beschleunigen diesen Trend.

Tom Burke

Berlin, October 2nd 2015

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Referenzen

[1] Der Finanzstabilitätsrat war im Zuge der Finanzkrise 2008 gegründet worden, um die G20 – die wichtigsten Volkswirtschaften der Welt – vor Bedrohungen für die Stabilität des Weltfinanzsystems zu warnen. bankofengland.co.uk/publications/Pages/speeches/2015/844.aspx

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